„Verweile doch! Du bist so schön!“ – Über die Nachhaltigkeit von Social- Media-Aktionen im Kulturbereich

Der digitale Raum ist von seinem Wesen her scheinbar unendlich, unpersönlich und vor allen Dingen flüchtig. In den vergangenen Jahren ist die Aufmerksamkeitsspanne im Web von zwölf auf acht Sekunden gesunken. Parallel dazu scheint sich auch das Gedächtnis verschlechtert zu haben. Relevanz und Aufmerksamkeit sind die äußerst knappen und hart umkämpften Ressourcen unserer Informationsgesellschaft. Die Museen und Kultureinrichtungen stehen vor dem Hintergrund dieses gesellschaftlichen Wandels vor dem Problem, nachhaltige Beziehungen zu ihren Besucherinnen und Besuchern aufzubauen, die Identifikation mit dem Museum zu sichern und letzten Endes den Weg zur Integration der Museen in den Alltag der Menschen zu ebnen. Doch wie können Prinzipien wie Nachhaltigkeit und Zuverlässigkeit über den unbeständigen digitalen Raum vermittelt werden? Und viel komplexer: Wie gelangen über diese sphärischen Wege die Leitlinien einer Fotografie-Ausstellung wie »Albert Renger-Patzsch. Ruhrgebietslandschaften« in die Köpfe und vor allem die Herzen der potentiellen digitalen Museumsgäste? Die Ursprungsidee für die Aktion #StadtLandBild entwickelte sich, wie zumeist bei Ausstellungsprojekten, im direkten Gespräch mit der Kuratorin Simone Förster. Zwei Gedanken prägten die ab Mitte November 2016 bis Ende April 2017 laufende Aktion und damit auch die Entwicklung des Konzepts: Zum einen entstanden die „Ruhrgebietslandschaften“ im Gegensatz zu einem Großteil der anderen Arbeiten von Renger-Patzsch nicht als Auftragsarbeiten, sondern waren vielmehr seine „Schnappschüsse“ in den Räumen zwischen seinen Auftragsorten. Er fotografierte unterwegs und nebenbei, geradeso wie heutzutage unzählige Instagram-Fotos entstehen. Zum anderen wurden die circa 150 Motive der Serie zu Lebzeiten von Renger-Patzsch weder ausgestellt noch in ihrer Gesamtheit publiziert. Schriftliche Zeugnisse lassen jedoch vermuten, dass ihm gerade diese Arbeiten besonders wichtig waren. Geplant war wohl ein deutschlandweites Projekt von Fotografien, das aber nie verwirklicht wurde. Daher beschränken sich die Bilder von Renger-Patzsch ausschließlich auf das Ruhrgebiet. Der zweite Ursprungsgedanke von #StadtLandBild ist daher die Fortführung von Albert Renger-Patzschs Grundidee der Darstellung von Industrielandschaft als ein ganz Deutschland umfassendes digitales Experiment. Ziel war es, die digitale Entwicklung um die Plattform Instagram mit den Ursprungsideen von Albert Renger-Patzsch zu verbinden und uns mit #StadtLandBild auf die Suche nach aktuellen Räumen im Wandel zwischen Industrie, Natur und Landschaft zu begeben.

Adressat der Aktion war vor allem die Münchner Instagram-Gemeinde, die es noch für die hiesigen Museen zu begeistern galt. Daher wurde bewusst auf kostspielige Kooperationen mit prominenten und reichweitenstarken Instagramern verzichtet, der Fokus in der Ansprache, vor allem im Hinblick auf den Höhepunkt, den Instawalk am 4. März 2017, auf das heimische Publikum gesetzt. Insgesamt entstanden bisher (Stand: August 2017) circa 2.700 Fotografien, die unter dem Hashtag StadtLandBild auf Instagram eingestellt wurden. Eine intensive Auseinandersetzung mit den Themen von Albert Renger-Patzschs Gedankengut prägt eine Vielzahl dieser Bilder. Das von Renger-Patzsch stets anvisierte „Wesen der Dinge“ kam in einer überwältigenden Mehrzahl der Beiträge zutage. Obwohl seine Aufnahmen zwischen den Jahren 1927 und 1935 entstanden, üben sie offensichtlich doch eine überraschende Wirkung auf das heutige Publikum aus und tragen eine sonderbare Aktualität inne, die zur Wiederentdeckung seiner bevorzugten Motive und zur Weiterentwicklung der Themen führte.

Die Vorwürfe der Vernachlässigung der Aspekte der Nachhaltigkeit und der Verwahrlosung des Originals durch die Kunstvermittlung im digitalen Raum sind ein Dauerbrenner in den Kommentarspalten der Feuilletons deutscher Tageszeitungen. Was ist nun aber mit der Frage nach der Nachhaltigkeit einer solchen Social-Media-Aktion? Waren es lediglich die Bilder, die kreativen Produkte der Instagramer, die zum Mehrwert beitrugen und den Aufwand rechtfertigten? Die Antwort fällt naturgegeben schwer. Den Ausweg aus dem Dilemma lieferte am Ende die begleitende Podiumsdiskussion am 6. April 2017 im Auditorium der Pinakothek der Moderne. Die Frage nach der Nachhaltigkeit ist in diesem Kontext nämlich die falsche Frage, oder besser, eine irrelevante Frage. Sie hat den gleichen Rang wie die leidige Frage danach, wie viele Eintrittskarten mehr durch einen Instawalk oder einen Tweetup am Ende verkauft werden. Wie ein Teilnehmer sagte: Niemand käme auf die Idee, nach der Nachhaltigkeit einer „klassischen“ Führung zu fragen, die zumeist Rezeption und Kontemplation vermittelt, statt Reflexion und kreative Produktion in Form von Instagram-Bildern. Der Begriff der „Nachhaltigkeit“ hat übrigens eine facettenreiche Bedeutung: ein Prinzip zur optimalen Ressourcennutzung, ausgelegt auf die Bewahrung der Stabilität, welches seinen Ursprung in der Forstwirtschaft hat. In einem Wörterbucheintrag von 1910 gilt „Nachhaltigkeit“ als Übersetzung des lateinischen Wortes „perpetuitas“ und meint damit das Beständige und Unablässige, das Wirksame und Nachdrückliche.

Der Zusammenhalt in der digitalen Gemeinschaft ist durch die Aktion gewachsen, der Museumsraum nach außen geöffnet worden. Der digitale Wandel der Gesellschaft verursacht einen Rollenwandel der Besucherinnen und Besucher. Er zieht auch einen Aufgabenwandel des Museums nach sich. Social-Media-Aktionen wie #StadtLandBild können eine langfristige Verbindung von digitalem und analogem Raum schaffen und nachhaltige Beziehungen zum „Rohstoff“ unserer Museen herstellen: den Besucherinnen und Besuchern. Die Eindrücke von #StadtLandBild bleiben nachhaltig im Herzen, nicht nur im Kopf.

Die gesamte Publikation zur Social Media Aktion #StadtLandBild gibt es hier online

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