„Man sieht nur mit dem Herzen gut.“  Über die Nachhaltigkeit von Social Media Aktionen im Kulturbereich

„Man sieht nur mit dem Herzen gut.“

Über die Nachhaltigkeit von Social Media Aktionen im Kulturbereich

Mit #StadtLandBild habe ich Mitte November 2016 eine weitere Social Media Aktion für die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen entwickelt, in deren Rahmen wir dank großzügiger externer Förderung auch eine separate Projektwebsite, einen InstaWalk, eine Podiumsdiskussion in der Pinakothek der Moderne sowie – last but not least – eine kleine Publikation verwirklichen können. Mir persönlich war beim Projekt wichtig, dass wir es uns endlich erstmals wirklich leisten konnten, den digitalen Raum zurück in den vorwiegend analogen Raum des Museums zurückzubringen: Eine Auswahl von Instagram-Bildern wurde direkt über einen zum „Tisch“ umfunktionierten Bildschirm innerhalb des Ausstellungsraumes präsentiert. Mit Absicht nicht auf einer Augenhöhe mit den Originalen an den Wänden, sondern in der Horizontalen.

Die Ursprungsidee für die Aktion entwickelte sich, wie zumeist bei Ausstellungsprojekten, im direkten Gespräch mit der Kuratorin und während der konkreten Beschäftigung mit dem Werk des Künstlers, in diesem Fall den „Ruhrgebietslandschaften“ des Fotografen Albert Renger-Patzsch. Zwei Gedanken prägten die Aktion und damit auch die Entwicklung des Konzepts, inklusive Hashtag, besonders: Zum einen entstanden die „Ruhrgebietslandschaften“ im Gegensatz zu einem Großteil der anderen Arbeiten von Renger-Patzsch nicht als Auftragsarbeiten, sondern waren vielmehr seine „Schnapsschüsse“ in den Zwischenräumen zwischen zwei Auftragsorten im Rheinland. Er fotografierte unterwegs, nebenbei, zwischendurch, geradeso wie heutzutage unzählige Instagram-Fotos entstehen. Zum anderen wurden die circa 150 Motive der Serie zu Lebzeiten von Renger-Patzsch weder ausgestellt noch in ihrer Gesamtheit publiziert. Schriftliche Zeugnisse (vor allem Briefe) lassen jedoch vermuten, dass ihm gerade diese Arbeiten besonders wichtig waren. Geplant war ein deutschlandweites Projekt von Fotografien, das aber nie verwirklicht wurde. Daher beschränken sich diese Bilder von Renger-Patzsch ausschließlich auf das Ruhrgebiet und Orte wie Essen, Mühlheim oder Duisburg. Der zweite Ursprungsgedanke von #StadtLandBild ist daher die Fortführung von Albert Renger-Patzschs Grundidee der Darstellung von Industrielandschaft als deutschlandweites digitales Experiment. Ziel war es also, die digitale Entwicklung um die Plattform Instagram mit den Ursprungsideen von Albert Renger-Patzsch zu verbinden und uns mit #StadtLandBild auf die Suche nach aktuellen Räumen im Wandel zwischen Industrie, Natur und Landschaft zu begeben.

Bewusst richtete sich mein Augenmerk auf die Münchner Instagram-Gemeinde, die es noch für die Museen zu begeistern galt. Ich verzichtete daher auf Kooperationen mit reichweitenstarken, nicht-lokalen Instagramern zugunsten von Kooperationen mit bewährten Partnern wie den „Kulturkonsorten“, den „Herbergsmüttern“ für das Rheinland sowie den „Kulturfritzen“ rund um Berlin und setzte ansonsten den Fokus in der Ansprache, vor allem im Hinblick auf den Höhepunkt, den InstaWalk am 04. März 2017, auf das Münchner Publikum. Ziel aller Social Media Aktionen unserer Häuser ist gemäß meiner digitalen Strategie immer der Aufbau von langfristigen Beziehungen zu lokalen Followern. Über 60 Prozent unserer Instagram-Follower stammen aus München, ihnen soll vor allem ein Gefühl der Identifikation mit dem Museum geboten und Hemmschwellen in der Kontaktaufnahme abgebaut werden.

In einigen Gesprächen mit der Kuratorin wurden Themen wie Qualität und Quantität der eingereichten Fotos, aber vor allem die Nachhaltigkeit der Aktion debattiert. Positiv betont wurde vor allem der Diskurs, der sich durch die Bilder auf der Plattform Instagram entwickelt hatte. Eine tiefe Auseinandersetzung mit den Themen von Albert Renger-Patzschs Gedankengut, die sich lediglich über die Sprache der Bilder zu erkennen gab. Das von Renger-Patzsch stets anvisierte „Wesen der Dinge“ kam in einer überwältigenden Mehrzahl der Beiträge zu Tage. Obwohl Renger-Patzschs Aufnahmen zwischen den Jahren 1927 bis 1935 entstanden, übten sie offensichtlich doch eine überraschende Wirkung auf das heutige Publikum aus und trugen eine sonderbare Aktualität inne, die zur Wiederentdeckung seiner bevorzugten Motive und zur Weiterentwicklung der Themen führte. Zu sehen sind die Bilder allesamt über den Hashtag #StadtLandBild auf Instagram.

Was ist nun aber mit der Frage nach der Nachhaltigkeit einer solchen Social Media Aktion? Ich muss gestehen, weder ich noch die Kuratorin hatten eine Antwort auf diese Frage. Waren es die Bilder, die kreativen Produkte der Instagramer, die den Mehrwert gaben? Ja, schon, aber reicht das? Was tun als Museum mit diesem Meer an Bildern? Einer wahren Flut an Impressionen im Geiste von Renger-Patzsch? Eine Publikation für den analogen Raum, ja gewiss, aber, reicht das? Ist das wirklich alles? Ein besserer Tätigkeitsbericht mit dokumentarischen Charakter? Wir fanden intern für diese Frage schlichtweg keine Lösung, trotz allem.

Die Antwort oder besser den Ausweg aus dem Dilemma lieferte am Ende die Podiumsdiskussion am 06. April 2017. Die Frage nach der Nachhaltigkeit ist in diesem Kontext nämlich die falsche Frage, oder besser, eine irrelevante Frage. Sie hat den gleichen Rang wie die leidige Frage danach, wie viele Eintrittskarten mehr durch einen InstaWalk oder einen TweetUp am Ende verkauft werden. Wie ein Teilnehmer sagte: Niemand käme auf die Idee, nach der Nachhaltigkeit einer klassischen Führung zu fragen, die Rezeption und Kontemplation vermittelt, statt Reflexion und kreativer Produktion in Form von Instagram-Bildern als Ergebnis dieser Betrachtungen einer Ausstellung. So waren es wiederum die Teilnehmer des InstaWalks selber, welche die Frage nach der Nachhaltigkeit solcher Social Media Aktionen für ein Museum beantwortet haben, über die ich mir so viele Nächte zuvor den Kopf vergeblich zerbrochen hatte. Kurz gesagt lassen sich die Erfahrungen der Nutzer wie folgt zusammenfassen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Und das gilt eben auch für die Kunstwerke einer Ausstellung. Die Erlebnisse von #StadtLandBild bleiben im Herzen, nicht nur im Kopf. Der Zusammenhalt in der digitalen Gemeinschaft ist durch die Aktion gewachsen, der Museumsraum nach außen geöffnet worden, ein weiterer Schritt weg vom Elfenbeinturm hin zu mehr Transparenz. Für mich persönlich kann es kein schöneres Fazit als dieses geben.

Alle Informationen zur Aktion unter: https://www.pinakothek.de/StadtLandBild

5 Kommentare

  1. Eine Kulturdestille, hurra! Und gleich so einen schönen Beitrag im Ausschank. #stadtlandbild war in der Tat etwas fürs Herz, für den Blick und fürs Hirn. Mich haben diese Monate mit Renger-Patzsch sehr bereichert.

    Wohlan, ich trinke auf Deine Kulturdestille! *klöng*
    Auf bald, Wibke.

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    1. Antje Lange Autor

      Liebe Wibke,
      jetzt wirst Du auf ewig einen Stein im Brett bei mir haben: Du warst mein erster Kommentar. Vielen Dank für die lieben Worte und das herzliche Willkommen. Hinter den Kulissen plane ich bereits die nächste große Aktion für die digitale Schaubühne. Ich hoffe, damit ebenso ins Herz zu treffen. Cheers!

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  2. Liebe Antje,

    zur Nachhaltigkeit von solchen Aktionen trägt auch dein Blogbeitrag bei. Aus meiner Sicht ist es nicht die eine Aktion, die nachhaltig ist. Sondern das beständige Wirken. Und so ist es eben auch die Besonderheit der Pinakotheken, dass ihr nicht nach dem Erfolg von #mytrmbrandt noch mit vielen anderen Aktivitäten im digitalen Raum gewigkt habt. Denn das ist für mich das wahre Bekenntnis zum Digitalen. Nicht mal ab und zu eine Schau, sondern beständig präsent sein.

    Liebe Grüße
    Anke

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  3. #StadtLandBild hat mich als Kampagne sehr beeindruckt, weil alles so selbstverständlich zusammen passte – die Kunst, die Aktion und die Strategie dahinter. Hier noch mehr über den gedanklichen Hintergrund zu erfahren, ist hilf- und lehrreich und tatsächlich, da schließe ich mich der Vorrednerin an, nachhaltig. Qualität eben, die im übrigen nicht nur die Münchner ans Haus bindet, sondern Provinzlern wie mir die Chance bietet, ein weinig teilzunehmen an der Ausstellung, die ich leider nicht besuchen konnte. Auch wenn es vielleicht nicht das Hauptziel ist – auch virtuelle Besucher sind Museumsbesucher und fühlen sich durch Qualität ernst genommen und nachhaltig erfreut!
    Herzliche Grüße aus der Provinz, Eva Gerum

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    1. Antje Lange Autor

      Liebe Eva,
      einen schöneren Kommentar hätte ich mir nicht vorstellen können. Vielen Dank dafür. Es bedeutet mir sehr viel, dass #StadtLandBild das erhoffte Ziel derart erreicht hat. Denn ich überlege und plane und mache mir Gedanken, wie man eine Ausstellung geschickt digital begleitet und am Ende kommt es natürlich auf Euch an. Und ich freue mich immer wie ein Schnitzel, wenn die Idee funkt und die Menschen berührt. Und noch viel mehr, wenn wir die Münchner Stadtgrenzen digital verlassen können. Ich stamme ja auch aus der Provinz und freue mich dreifach.
      Liebe Grüße und ich hoffe, wir laufen uns einmal über den Weg,
      Antje

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